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Liebe

Ein Essay von REZA HAFIZ

Liebe.

Wie erstaunlich, dass von all den Milliarden Menschen auf diesem Planeten genau dieser eine Mensch den Weg zu uns gefunden hat.

Dass sich unter all den möglichen Begegnungen, die das Leben bereithält, ausgerechnet diese eine ereignet hat, im Café um die Ecke, auf einer langweiligen Party, in der Schlange an der Supermarktkasse.

Liebe hat etwas von einem freundlichen Zufall, der sich als Schicksal herausstellt.

Sie lehrt uns, dass die Welt, bei aller Gleichgültigkeit, die sie manchmal zeigt, doch auch eine Neigung zum Guten hat.

Und welch ein Geschenk ist diese Verwandlung, die sie mit sich bringt.

Plötzlich wird selbst der härteste Tag erträglich, weil man abends jemandem davon erzählen kann.

Die eigenen Gedanken bekommen eine neue Dringlichkeit, weil sie mit jemandem geteilt werden wollen.

Selbst die Stadt, durch die man schon tausendmal gelaufen ist, zeigt unerwartete Facetten, wenn man sie zu zweit entdeckt.

Die Liebe färbt die Welt neu ein, in wärmeren Tönen.

Was für ein Wunder, dass ein Mensch einen anderen so wichtig nehmen kann.

Dass die Freude des anderen zur eigenen wird, dass sein Schmerz einen berührt wie der eigene.

Die Liebe macht uns größer, indem sie uns aus der Enge unserer Selbstbezogenheit herausholt.

Sie lehrt uns eine Grammatik der Aufmerksamkeit: Wie schläft er am besten? Was bringt sie zum Lachen? Welche kleinen Gesten bedeuten ihm etwas?

In dieser Zuwendung liegt eine Bildung des Herzens, die kein Buch vermitteln kann.

Und wie leicht sie das Leben macht, diese Gewissheit, verstanden zu sein.

Nicht perfekt, nicht immer, aber im Kern.

Jemanden zu haben, der die eigenen Geschichten kennt, der die Anspielungen versteht, der weiß, warum man bei bestimmten Liedern nachdenklich wird oder bei bestimmten Gerüchen an die Kindheit denkt.

Die Liebe schenkt uns einen Zeugen unseres Lebens, und das ist mehr wert, als wir oft ahnen.

Dabei ist sie so bescheiden in ihren Ansprüchen.

Sie braucht keine große Bühne, keine dramatischen Gesten.

Sie zeigt sich im Kaffee, der ans Bett gebracht wird, in der Hand, die man im Kino hält, im Lachen über Interna, die nur zwei Menschen teilen.

Die Liebe macht aus dem Gewöhnlichen etwas Außergewöhnliches, indem sie ihm Bedeutung verleiht.

Und welche Kraft liegt in dieser Verbindung. Wie viel leichter lassen sich Krisen ertragen, wenn man zu zweit ist.

Wie viel schöner sind Erfolge, wenn man sie teilen kann.

Die Liebe verdoppelt die Freude und halbiert das Leid, keine schlechte Rechnung in einem Leben, das oft genug unbarmherzig ist.

Vielleicht ist das Schönste an der Liebe aber dies: dass sie uns zeigt, wozu wir fähig sind.

Zu einer Geduld, die wir uns selbst gegenüber nie aufbringen würden.

Zu einer Nachsicht, die wir sonst nicht kennen.

Zu einem Mut, uns verletzlich zu zeigen.

Die Liebe bringt das Beste in uns zum Vorschein, ohne dass wir es merken.

Sie macht uns zu besseren Versionen unserer selbst, einfach weil wir für diesen anderen Menschen gut sein wollen.

Es ist ein Privileg, lieben zu dürfen.

Und ein noch größeres, geliebt zu werden.

In einer Gesellschaft, die so viel Wert legt auf Unabhängigkeit und Selbstverwirklichung, ist die Liebe ein trotziges Bekenntnis zur Verbindung, zur Gemeinsamkeit, zum Wir.

Sie zeigt uns, dass wir für die Nähe geschaffen sind, und dass das Leben, bei allem Schönen, das es bietet, ohne Liebe nur halb so schön wäre.

REZA HAFIZ

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