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Nationalismus

Warum Nationalismus uns schwächt und globales Denken unsere größte Chance ist

Einleitung: Der gefährlichste Gedanke der Menschheit

Stellen Sie sich vor, Sie wachen morgen in einer Welt auf, in der die Landkarten verschwunden sind.

Keine Grenzen mehr, keine Farben, die Territorien voneinander trennen. Nur Menschen, überall Menschen, verbunden durch ihre gemeinsamen Bedürfnisse, Träume und Ängste.

Fühlt sich das befreiend an? Oder beängstigend?

Ihre Antwort auf diese Frage verrät mehr über Sie – und über uns alle – als Sie vielleicht denken möchten.

Ich habe die letzten Jahre damit verbracht, über Grenzen nachzudenken. Nicht die sichtbaren aus Stacheldraht und Beton, sondern die unsichtbaren in unseren Köpfen. Die Linien, die wir zwischen „uns“ und „denen“ ziehen. Die Geschichten, die wir uns erzählen, um zu erklären, warum Menschen auf der anderen Seite einer imaginären Linie weniger wert sein sollen als wir selbst.

Ich habe mit Überlebenden ethnischer Säuberungen gesprochen, mit Wirtschaftsexperten, Neurowissenschaftlern, Historikern und ganz normalen Menschen, die einfach nur ein gutes Leben führen wollen.

Was ich dabei entdeckt habe, hat mich zutiefst erschüttert und gleichzeitig hoffnungsvoll gemacht.

Die erschütternde Wahrheit: Nationalismus ist keine harmlose Heimatliebe. Er ist ein Gedankenvirus, der sich durch menschliche Gesellschaften frisst und dabei unvorstellbares Leid verursacht hat.

Allein im 20. Jahrhundert starben über 100 Millionen Menschen in Kriegen, die ihre Wurzeln in nationalistischer Ideologie hatten. Das sind mehr Tote, als alle Naturkatastrophen der Menschheitsgeschichte zusammen gefordert haben.

Aber hier kommt die hoffnungsvolle Nachricht: Dieser Virus ist nicht unheilbar. Nationalismus ist keine natürliche Eigenschaft des Menschen. Er wurde erfunden – und was erfunden wurde, kann auch wieder verlernt werden.

Dieses Buch wird Ihnen wehtun. Es wird Überzeugungen infrage stellen, die Ihnen vielleicht heilig sind. Es wird Momente geben, in denen Sie dieses Buch zur Seite legen und denken: „Das kann nicht stimmen. Das will ich nicht hören.“

Genau dann sollten Sie weiterlesen.

Denn während Sie diese Zeilen lesen, leiden Menschen unter den Folgen nationalistischer Politik. Kinder verhungern hinter Grenzen, die sie nicht überqueren dürfen. Wissenschaftler, die gemeinsam Krebs heilen könnten, werden durch Visabeschränkungen getrennt. Innovationen, die Millionen Menschen helfen könnten, werden durch protektionistische Maßnahmen blockiert.

Und das alles, weil wir an eine Lüge glauben: dass Menschen, die zufällig auf der anderen Seite einer Linie geboren wurden, irgendwie anders sind als wir.

In den folgenden sechs Kapiteln werde ich Ihnen zeigen, wie diese Lüge entstanden ist, welchen unfassbaren Schaden sie angerichtet hat und – das ist das Wichtigste – wie wir uns davon befreien können. Ich werde Ihnen nicht nur Theorie präsentieren, sondern konkrete, praktische Wege aufzeigen, wie Sie selbst zu einer globaleren, humaneren Weltanschauung finden können.

Sie werden lernen, warum Ihr Gehirn Sie zum Nationalismus verführen will und wie Sie dieser Versuchung widerstehen. Sie werden verstehen, warum jeder Euro, den Sie für „nationale Interessen“ ausgeben, Sie tatsächlich ärmer macht. Und Sie werden entdecken, dass die größten Probleme unserer Zeit – Klimawandel, Pandemien, wirtschaftliche Instabilität – nur durch globales Denken gelöst werden können.

Aber Vorsicht: Dieses Buch könnte Ihr Leben verändern. Es könnte Sie dazu bringen, Ihre Heimat auf neue Weise zu lieben – nicht weniger intensiv, sondern umfassender. Es könnte Ihre politischen Überzeugungen auf den Kopf stellen. Es könnte Sie zu einem Weltbürger machen.

Sind Sie bereit für diese Reise?

Dann blättern Sie um. Auf der nächsten Seite beginnt eine Expedition in die dunkelsten Kapitel der Menschheitsgeschichte – und zu den hellsten Hoffnungen für unsere Zukunft.

Willkommen zu einer Reise über die Grenzen in unseren Köpfen.

REZA HAFIZ

Kapitel 1: Die Erfindung des „Wir gegen Die“

Wie Nationalismus entstand und warum er unserem Gehirn so gut gefällt

Es war ein kalter Morgen im Januar 1871, als im Spiegelsaal von Versailles etwas Merkwürdiges geschah. Preußische Soldaten, bayerische Adlige und württembergische Bürokraten standen zusammen und erklärten sich plötzlich zu Mitgliedern einer Nation, die es am Tag zuvor noch nicht gegeben hatte: Deutschland.

Die meisten dieser Männer hatten sich wenige Jahre zuvor noch gegenseitig bekämpft. Ein Bauer aus Bayern hatte mit einem Fischer von der Nordsee etwa so viel gemeinsam wie heute ein Portugiese mit einem Finnen. Sie sprachen verschiedene Dialekte, die gegenseitig oft unverständlich waren. Sie aßen unterschiedliches Essen, feierten verschiedene Feste, hatten andere Gesetze und Währungen.

Was war passiert? Wie wurden aus Fremden plötzlich „Brüder“?

Die Antwort ist so einfach wie verstörend: Man hat es ihnen erzählt. Und sie haben es geglaubt.

Die Anatomie einer Erfindung

Nationalismus, wie wir ihn heute kennen, ist eine erstaunlich junge Erfindung. Während Menschen seit Jahrtausenden in Stämmen, Städten und Reichen lebten, ist die Idee der Nation – einer großen Gemeinschaft von Millionen Menschen, die sich durch gemeinsame Sprache, Kultur und Geschichte verbunden fühlen – erst etwa 250 Jahre alt.

Der Historiker Benedict Anderson nannte Nationen „vorgestellte Gemeinschaften“. Sie sind vorgestellt, weil die meisten Mitglieder einer Nation einander niemals begegnen werden. Sie sind Gemeinschaften, weil Menschen trotzdem ein tiefes Gefühl der Verbundenheit empfinden – so tief, dass sie bereit sind, für diese abstrakten Gebilde zu sterben.

Aber wie funktioniert diese Vorstellung? Wie schafft man es, dass Millionen von Menschen, die nichts miteinander zu tun haben, plötzlich glauben, sie seien eine Familie?

Die Rezeptur ist erschreckend einfach:

Zutat 1: Eine gemeinsame Sprache

Im 19. Jahrhundert begannen Staaten systematisch, Sprachen zu standardisieren und über Schulen zu verbreiten. Dialekte wurden unterdrückt, Minderheitensprachen verboten. In Frankreich schlugen Lehrer bretonischen Kindern auf die Finger, wenn sie ihre Muttersprache sprachen. In Italien wurde aus einem Chaos von Regionalsprachen das „Italienisch“ geschaffen, das zuvor nur von einer kleinen Elite gesprochen wurde.

Zutat 2: Eine erfundene Geschichte

Jede Nation brauchte eine glorreiche Vergangenheit. Deutsche Nationalisten erfanden die Germanen als edle Vorfahren – obwohl die meisten Deutschen genetisch eher von Kelten und Slawen abstammten. Französische Historiker konstruierten eine direkte Linie von den Galliern zu Napoleon. Jede dieser Geschichten war eine kreative Neuinterpretation komplexer, widersprüchlicher historischer Fakten.

Zutat 3: Symbole und Rituale

Fahnen, Hymnen, Nationalfeiertage – all das musste erst erfunden werden. Die französische Trikolore entstand 1789, die deutsche Nationalhymne wurde 1841 gedichtet, „God Save the Queen“ etablierte sich im 18. Jahrhundert. Diese Symbole gaben dem Abstrakten eine emotionale Konkretheit.

Zutat 4: Ein Feind

Das ist vielleicht die wichtigste Zutat: Jede Nation brauchte ein „Die“, um das „Wir“ zu definieren. Deutsche wurden zu Deutschen in Abgrenzung zu Franzosen. Franzosen wurden zu Franzosen in Abgrenzung zu Deutschen und Briten. Die eigene Identität entstand durch Gegensatz.

Warum unser Gehirn darauf hereinfällt

Hier wird die Geschichte interessant. Denn Nationalismus funktioniert nicht nur, weil clevere Politiker und Intellektuelle ihn erfunden haben. Er funktioniert, weil er perfekt auf die Schwächen unseres Gehirns abgestimmt ist.

Neurowissenschaftler haben entdeckt, dass unser Gehirn in „Wir-gegen-Die“-Kategorien denkt. Das ist ein evolutionäres Erbe aus einer Zeit, als Menschen in kleinen Gruppen von 50 bis 150 Individuen lebten. Damals war es überlebenswichtig, schnell zwischen Gruppenmitgliedern und Fremden zu unterscheiden.

Studien zeigen: Wenn Menschen Gesichter ihrer eigenen ethnischen Gruppe sehen, aktiviert sich ein anderer Bereich des Gehirns als bei Gesichtern anderer Gruppen. Noch erschreckender: Bei Menschen der eigenen Gruppe zeigt das Gehirn mehr Empathie-Aktivität. Wir leiden automatisch mehr mit, wenn jemand aus unserer Gruppe Schmerzen hat.

Das Perfide: Diese „Eigengruppe“ ist komplett austauschbar. Psychologen haben in Experimenten gezeigt, dass man Menschen in völlig willkürliche Gruppen einteilen kann – etwa nach der Farbe ihrer T-Shirts – und innerhalb von Minuten entwickeln sie Loyalität zu ihrer Gruppe und Misstrauen gegenüber der anderen.

Nationalismus nutzt diese kognitive Schwachstelle aus. Er bietet unserem steinzeitlichen Gehirn eine moderne „Stammeszugehörigkeit“. Plötzlich sind nicht mehr 150 Menschen „meine Gruppe“, sondern 80 Millionen. Und all die anderen? Die sind fremd.

Die Droge der Zugehörigkeit

Es gibt noch einen Grund, warum Nationalismus so attraktiv ist: Er gibt unserem Leben Bedeutung.

Wenn die Welt, immer komplexer und unübersichtlicher wird, bietet die Nation eine einfache Antwort auf die Frage: „Wer bin ich?“ Sie müssen nicht mehr herausfinden, wer Sie als Individuum sind – Sie sind Deutscher, Franzose, Amerikaner. Fertig.

Der Psychologe Erich Fromm nannte dies „Flucht vor der Freiheit“. Die Freiheit, selbst zu entscheiden, wer man ist und wofür man steht, kann beängstigend sein. Wie viel einfacher ist es, seine Identität von der Nation zu leihen?

Nationalismus bietet auch Trost angesichts der eigenen Bedeutungslosigkeit. Wenn Sie Teil einer großen, glorreichen Nation sind, sind Sie selbst ein wenig glorreich – auch wenn Sie persönlich nichts Besonderes geleistet haben. Der arbeitslose Amerikaner kann stolz darauf sein, dass „wir“ auf dem Mond waren. Der erfolglose Deutsche kann sich damit trösten, dass „wir“ große Dichter und Denker hervorgebracht haben.

Diese psychologischen Mechanismen machen Nationalismus zu einer Droge. Und wie bei jeder Droge: Die kurzfristige Befriedigung kommt mit langfristigen, verheerenden Nebenwirkungen.

Die erste große Katastrophe

Um zu verstehen, wohin Nationalismus führt, müssen wir ins Jahr 1914 reisen. Europa war auf dem Höhepunkt seiner Macht. Die Wirtschaft boomte, Wissenschaft und Kunst erlebten eine Blütezeit. Menschen reisten ohne Pässe zwischen den Ländern, Waren wurden frei gehandelt, Intellektuelle korrespondierten über Grenzen hinweg.

Und dann, im Sommer 1914, brach alles zusammen.

Die Ursache? Nationalismus in seiner reinsten Form. Nicht rationale Interessen führten zum Ersten Weltkrieg, sondern die Logik des „Wir gegen Die“. Serbischer Nationalismus tötete einen österreichischen Erzherzog. Österreichischer Nationalismus verlangte Vergeltung. Russischer Nationalismus stellte sich auf die Seite der slawischen Brüder. Deutscher Nationalismus sah die Chance, französischen Nationalismus zu demütigen. Britischer Nationalismus konnte nicht zulassen, dass Deutschland zu mächtig wurde.

Keines dieser Länder kämpfte für seine Existenz. Keines hatte rationale Gründe für den Krieg. Sie kämpften für abstrakte nationale Ehre, für Stolz, für die Größe ihrer Nation.

Das Ergebnis: 17 Millionen Tote. Eine ganze Generation junger Männer ausgelöscht. Und die Saat für den nächsten, noch verheerenderen Krieg gelegt.

Praktische Übung: Erkennen Sie Ihr eigenes nationales Denken

Bevor wir weitergehen, lade ich Sie zu einem Experiment ein:

Schritt 1: Denken Sie an ein internationales Sportereignis – eine Fußballweltmeisterschaft, Olympische Spiele. Für wen feuern Sie an?

Schritt 2: Fragen Sie sich: Warum? Kennen Sie diese Athleten persönlich? Haben sie irgendetwas mit Ihnen zu tun außer dem Zufall des Geburtsortes?

Schritt 3: Stellen Sie sich vor, der beste Freund Ihres Kindes wäre Ausländer und würde gegen „Ihr“ Land antreten. Für wen würden Sie hoffen, dass er gewinnt?

Schritt 4: Bemerken Sie das Unbehagen, das diese Fragen auslösen? Das ist Nationalismus in Ihrem Kopf.

Schritt 5: Fragen Sie sich: Wessen Interessen dient es, dass ich mich mit Menschen solidarisch fühle, die ich nicht kenne, nur weil wir denselben Pass haben – während ich Distanz zu Menschen halte, die mir ähnlicher sein könnten, nur weil sie eine andere Staatsangehörigkeit haben?

Diese Übung ist nicht dazu da, Ihnen ein schlechtes Gewissen zu machen. Sie soll Ihnen zeigen, wie tief nationale Denkmuster in uns verankert sind – selbst wenn wir uns für weltoffene, tolerante Menschen halten.

Der erste Schritt zur Heilung ist das Erkennen der Krankheit. Und Nationalismus ist eine Krankheit des Denkens, die uns alle befallen hat.

Im nächsten Kapitel werden wir sehen, wozu diese Krankheit fähig ist, wenn sie unbehandelt bleibt. Und Sie werden verstehen, warum jeder von uns die Verantwortung hat, sie zu überwinden.

Kapitel 2: Wenn Fahnen wichtiger werden als Menschen

Die verheerenden Folgen nationalistischer Bewegungen von 1914 bis heute

Am 28. Juni 1914 starb in Sarajevo nicht nur ein österreichischer Erzherzog. An diesem Tag starb auch die Illusion, dass Nationalismus eine harmlose Form von Heimatliebe sei.

Was in den nächsten vier Jahren folgte, war ein Massaker von solchen Ausmaßen, dass die menschliche Vorstellungskraft bis heute damit überfordert ist. 17 Millionen Tote. Aber diese Zahl ist zu groß, um sie wirklich zu begreifen. Versuchen wir es anders:

Stellen Sie sich vor, Sie stehen an einem Grab. In diesem Grab liegt ein 19-jähriger Junge, der niemals seinen ersten Kuss erleben wird, niemals Kinder haben wird, niemals seine Träume verwirklichen wird. Nun multiplizieren Sie dieses Grab mit 17 Millionen. Stellen Sie sich eine Reihe von Gräbern vor, die von Berlin bis nach Peking reicht. Das ist der Erste Weltkrieg.

Und für was? Für Linien auf Landkarten. Für nationale Ehre. Für die Größe abstrakter Kollektive.

Die Logik des Wahnsinns

Der französische Schriftsteller Romain Rolland schrieb 1914: „Ich sehe das dümmste und blutigste Verbrechen der Zivilisation.“ Er hatte recht. Denn es gab keine rationalen Gründe für diesen Krieg.

Deutschland hatte keinen Grund, Frankreich anzugreifen – die beiden Länder waren wichtige Handelspartner. Großbritannien hatte keinen Grund, gegen Deutschland zu kämpfen – die Königshäuser waren verwandt. Russland hatte keinen Grund, sich einzumischen – es hatte mit den Balkanstaaten nichts zu tun.

Aber Nationalismus braucht keine rationalen Gründe. Er hat seine eigene Logik:

„Sie haben uns beleidigt“ – also müssen wir kämpfen.
„Wir dürfen nicht schwach erscheinen“ – also müssen wir kämpfen.
„Unsere Nation ist groß und glorreich“ – also müssen wir kämpfen.

Diese Logik führte dazu, dass junge Männer begeistert in den Tod marschierten. Sie sangen patriotische Lieder, schwenkten Fahnen, und glaubten, sie würden für etwas Großes sterben. Stattdessen starben sie für nichts in Schützengräben, vergast, zerfetzt, erfroren, ertrunken in Schlamm.

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